Klappentext
»Dieses Buch wird Sie dazu inspirieren, aufzustehen, eine Kerze anzuzünden und Ihr eigenes nächtliches Selbst zu leben.« Financial Times
Nach einer Reihe tragischer Verluste findet Annabel Abbs nachts keinen Schlaf mehr und lernt eine völlig neue Seite an sich kennen: ihr nächtliches Selbst. Die Nacht wird für sie zu einem Ort der Kreativität und Befreiung, und sie entdeckt, dass Frauen schon immer Zuflucht, Inspiration und Mut in der Dunkelheit gefunden haben – von der Philosophin Laura Cereta über die Künstlerin Louise Bourgeois bis hin zur Aktivistin Peace Pilgrim.Auf Grundlage neuester wissenschaftlicher Erkenntnisse, die zeigen, dass wir nachts fantasievoller und offener sind, macht sich Abbs auf den Weg, das Potenzial ihres nächtlichen Selbst zu entdecken. Wir begleiten sie beim Wandern und Schwimmen unterm Sternenhimmel, in die hellste Stadt der Welt, die dunkelsten Ecken des Polarkreises und schließlich an den Ort, der für uns so schwer zu fassen ist ― den Schlaf.
- Autorin: Anabel Abbs
- Verlag: btb Verlag (10. Juni 2026)
- ISBN: 978-3442776115*
- Preis: 18,- Euro
Bewertung
Es gibt Bücher, die verändern den Blick auf etwas Alltägliches – und plötzlich ist nichts mehr so wie vorher. Bei Annabel Abbs‘ „Schlaflos“ ist es die Nacht. Was als persönliche Auseinandersetzung mit eigener Insomnie beginnt, wird zu einer poetischen, gut recherchierten und ermutigenden Erkundung dessen, was die Dunkelheit uns schenken kann, wenn wir aufhören, sie zu bekämpfen.
Von der eigenen Erfahrung zu einem größeren Thema
Annabel Abbs kennt das nächtliche Wachsein nicht erst seit gestern. Doch als im Winter 2020 innerhalb kurzer Zeit mehrere Menschen sterben, die ihr nahestehen – darunter ihr Vater –, verändert sich ihre Beziehung zum Schlaf grundlegend. Die Nächte werden länger, die Tage funktionieren nur noch mühsam. Statt weiter gegen die Schlaflosigkeit anzukämpfen, beginnt Abbs, die Nacht neu zu denken: nicht als Defizit, sondern als Raum.
Dieser Perspektivwechsel ist das Herzstück des Buches. Abbs beschreibt, wie sie lernt, die Stille, die Einsamkeit und sogar die Fremdheit der Nacht zu mögen. Sie geht nachts schwimmen, wandert im Dunkeln, schläft unter freiem Himmel. Sie beobachtet nachtaktive Tiere und sucht das Gespräch mit Wissenschaftler:innen, die erklären, warum unser Gehirn nachts anders arbeitet – kreativer, offener, weniger gebunden an die Logik des Tages.
Frauen und die Nacht: Ein historischer Streifzug
Besonders stark wird „Schlaflos“, wenn Abbs ihre eigene Geschichte mit den Biografien anderer Frauen verwebt. Sie erzählt von Künstlerinnen, Schriftstellerinnen, Philosophinnen und Aktivistinnen, die in der Nacht Zuflucht und Inspiration fanden: Virginia Woolf, die nachts schrieb; Georgia O’Keeffe, die nachts durch die Landschaft wanderte; Louise Bourgeois, deren beste Ideen im Dunkeln entstanden.
Abbs zeigt, dass die Nacht für Frauen historisch oft ein Ort der Freiheit war – ein Moment, in dem sie ungestört arbeiten, denken und fühlen konnten, fernab von den Erwartungen des Tages. Dieses historische Framing verleiht dem Buch eine zusätzliche Tiefe. Es geht nicht nur um Schlaf, sondern um die Frage, welche Räume Frauen sich nehmen müssen, um kreativ und ganz sich selbst sein zu können.
Stil und Ton: Nahbar, reflektiert, nie belehrend
Annabel Abbs schreibt mit einer seltenen Mischung aus journalistischer Präzision und persönlicher Offenheit. Ihre Sätze sind klar, ihre Beobachtungen konkret, ihre Reflexionen nie selbstgefällig. Man spürt, dass hier jemand schreibt, der sowohl das Handwerk des Erzählens beherrscht als auch die eigene Verletzlichkeit nicht scheut.
Die deutschen Übersetzung von Michaela Meßner liest sich flüssig und natürlich. Keine sperrigen Konstrukte, kein übertriebenes Pathos – stattdessen eine Sprache, die einlädt, mitzudenken und mitzufühlen. Besonders gelungen sind die Passagen, in denen Abbs ihre nächtlichen Experimente beschreibt: das kalte Wasser, der Sternenhimmel, das Gefühl, allein und gleichzeitig verbunden zu sein mit etwas Größerem.
Für wen ist dieses Buch?
„Schlaflos“ richtet sich an alle, die sich für die Themen Schlaf, Kreativität, Frauenbiografien oder einfach für ein anders erzähltes Sachbuch interessieren. Wer unter Schlafstörungen leidet, findet hier keine medizinischen Ratschläge, aber vielleicht eine neue Haltung: die Idee, dass die Nacht nicht nur ein Problem ist, das gelöst werden muss, sondern auch ein Raum, den man bewohnen kann.
Gleichzeitig ist das Buch eine Einladung, die eigene Beziehung zur Dunkelheit zu überdenken – unabhängig davon, ob man schlecht schläft oder nicht. Abbs‘ Plädoyer für das „nächtliche Selbst“ ist erfrischend unkonventionell und macht Lust, selbst einmal nachts aufzustehen und die Welt mit anderen Augen zu sehen.
Fazit
„Schlaflos“ von Annabel Abbs ist mehr als ein Buch über Insomnie. Es ist eine poetische, gut recherchierte und persönlich erzählte Erkundung der Nacht als Ort der Kreativität, der Freiheit und der Selbstermächtigung. Abbs verbindet ihre eigene Geschichte mit historischen Frauenbiografien und wissenschaftlichen Erkenntnissen zu einem Text, der nachhallt – und den Blick auf die Dunkelheit nachhaltig verändert. Ein Buch, das Mut macht, das nächtliche Selbst nicht zu bekämpfen, sondern zu entdecken.
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